Startseite
Portal
Aktuell
Geschichte
Literatur
Kontakt
Impressum
Impressum
Düsseldorfer Stadtgeschichte
Düsseldorf - Aspekte der Stadtentwicklung
von Clemens von Looz-Corswarem

Der Neubau der Stadt nach dem Zweiten Weltkrieg

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges dauerte es einige Zeit, bis die schlimmsten Kriegsfolgen überwunden waren. Die Stadt war ein Trümmerfeld, über die Hälfte der Bevölkerung war ermordet oder deportiert, gefallen, in Bombenkrieg und Artilleriebeschuss umgekommen oder vor den Schrecken des Krieges aus der Stadt geflohen. Jede staatliche Macht war aufgelöst. Hunger, Sorge um eine Unterkunft und vermisste Familienangehörige und Angst vor einer ungewissen Zukunft prägten das tägliche Leben der Bevölkerung. Erschwert wurde die Lage noch dadurch, dass zahlreiche noch intakte Gebäude in der Stadt von der Besatzung beschlagnahmt worden waren und mit der Demontage großer Werke zahlreiche noch vorhandene Arbeitsplätze verloren gingen.

Das kommunale Leben begann schon im Juni 1945 mit der Einsetzung eines Vertrauensausschusses der Bürgerschaft durch die Besatzungsbehörden, der zunächst von Dr. Füllenbach, dann von Walter Kolb als Oberbürgermeister der Stadt geleitet wurde. Die Jahre 1945 bis 1947, ja, bis 1950, standen ganz im Zeichen der Beseitigung von Trümmern, der Wiederherstellung des Straßennetzes, der Versorgungsleitungen und der Kanalisation, des Baus erster Brücken über den Rhein, der Einrichtung von Straßenbahnen und Bahnlinien. In einem Wohnungsnotprogramm, das die Stadt von 1945 bis 1947 durchführte, wurden über 11.000 Wohnräume erstellt und über 65.000 behelfsmäßig winterfest gemacht. Viele dieser Gebäude mussten allerdings in den nächsten Jahren wegen akuter Einsturzgefahr wieder geräumt werden. War die Zahl der Bewohner im März 1945 auf 235.000 herabgesunken, so wurden 1949 schon wieder 466.000 Einwohner in Düsseldorf gezählt. Trotz der bedrückenden äusseren Verhältnisse und obwohl die Not in der Stadt fast unerträglich war, kündigte sich schon vor der Währungsreform am 20. Juni 1948 ein Aufstieg der Stadt an. Das im Januar 1946 gegründete städtische Werbe- und Verkehrsamt konnte schon 1946 mehrere Tagungen in der Stadt durchführen, wobei auswärtige Gäste in dürftig hergerichteten Hotelschiffen unterkamen. 1946 wurde auch die Ausstellungsgesellschaft NOWEA gegründet, die im Herbst 1947 die Deutsche Presseausstellung durchführte.

Bald nach der Währungsreform erwies es sich als notwendig, den Wiederaufbau so zu planen, dass sein Ergebnis auch für die nähere und fernere Zukunft als Grundlage dienen konnte. Schon 1946 wurde eine "Arbeitsgemeinschaft Stadtplanung" gegründet, die einen im Dezember 1947 von den Stadtverordneten angenommenen innerstädtischen Verkehrs- und Wiederaufbauplan vorlegte, der eine zweijährige Bausperre für die Innenstadt vorsah. Diese Bausperre konnte nicht verwirklicht werden, da aus der Not heraus zahlreiche Häuser auch ohne Genehmigung wieder errichtet wurden. 1949 wurde ein Neuordnungsplan der Stadt erstellt, der dann 1950 von den Stadtverordneten beschlossen wurde. Dieser Neuordnungsplan sollte die Grundlage für die nächsten Jahrzehnte bilden. Er sah für die Innenstadt die Neuanlage einer großen Nord-Süd-Verbindung vor, die als Parallelstraße zur Königsallee durch die gesamte Stadt verlaufen sollte. Dazu war eine Verbreiterung der Kölner Straße, ihre Verlängerung über die Pempelforter Straße in die Duisburger Straße hinein und eine Verlängerung der Kasernenstraße nach Norden und Süden zur Entlastung der Breitestraße notwendig. Für den Ost-West-Verkehr durch die Stadt waren ausser der schon bestehenden Eisenbahnbrücke fünf Straßenbrücken über den Rhein vorgesehen.

Der Neuordnungsplan von 1949 trägt schon ganz die Handschrift von Friedrich Tamms. Tamms, der im April 1948 als Stadtplaner beim Planungsamt eingestellt worden war, sollte bis 1970 als Planungs- und Baudezernent das Gesicht Düsseldorfs entscheidend mitgestalten. Mit seinem Namen sind die großen Bauvorhaben, die Straßendurchbrüche und die Hochhäuser dieser Jahre verbunden. Für ihn war die Stadt ein Organismus, dessen Wachstum einer steuernden Planung und Pflege bedurfte, in dem der Planer gleichsam als Arzt tätig war. Um spätere schmerzhafte operative Eingriffe zu vermeiden, müsse die Chance der Zerstörung genutzt werden. 1955 schrieb er: "Darum gilt es, beim Wiederaufbau unserer im letzten Krieg zerstörten Städte, die (hoffentlich nicht wiederkehrende) Chance wahrzunehmen, um einer neuen Entwicklung Rechnung zu tragen, die aufzuhalten in keines Menschen Hand liegt." Und an anderer Stelle: "Es wäre daher unverzeihlich, vor allem mit Rücksicht auf die kommenden Geschlechter, die wenigen Vorteile, die die Zerstörungen den Städten bieten, nicht zu einer allgemeinen Gesundung zu nutzen. Ordnung hat noch nie Nachteile gebracht. Sie ist die Voraussetzung zu wirtschaftlichem Erfolg und Aufstieg. Im ganzen gesehen erhöht sie den Wert von Grund und Boden, indem sie das Geschäftsleben fördert und zu größerer Entfaltung bringt."

Konnte Tamms in vielen Bereichen an Vorkriegs- bzw. Kriegsplanungen anknüpfen, so gab es nach dem Krieg doch auch Zwänge und Notwendigkeiten, die neue Lösungen erforderten. Vor allem der zunehmende Kraftfahrzeugverkehr stellte die Planung vor völlig neue Probleme. Das größte Bauvorhaben war sicherlich die Anlage der Berliner Allee, die zusammen mit dem neugeschaffenen Jan-Wellem-Platz ohne Rücksicht auf bestehende Straßen, Häuserblocks oder Fluchtlinien durch die Innenstadt geschlagen wurde. Die Berliner Allee, um deren Benennung es längere Auseinandersetzungen gegeben hatte, wurde am 23. September 1960 durch den Regierenden Bürgermeister von Berlin, Willy Brandt, feierlich eingeweiht. Vollständig ausgebaut wurde sie bis etwa 1965; es liegen an ihr die Hauptverwaltung der Stadtsparkasse, die Landeszentralbank sowie zahlreiche Hauptverwaltungen und Niederlassungen größerer Firmen. Dem Jan-Wellem-Platz und der Weiterführung der Nord-Süd-Trasse in Richtung Norden mussten zahlreiche Häuserblocks zwischen Hofgartenstraße und Bleichstraße bis hin zum Martin-Luther-Platz weichen. Die Viktoriastraße und die Eckstraße verschwanden ganz vom Stadtplan. Da bei dieser Stadtplanung der Hofgarten angeschnitten werden sollte, vor allem aber weil Tamms ein Hochstraßenprojekt im Bereich des Jan-Wellem-Platzes favorisierte, kam es zu zahlreichen Protesten in der Bevölkerung. Am 15. Januar 1961 besuchten etwa 10.000 Menschen eine Protestversammlung vor dem Rathaus, zu der die "Vaterstädtische Arbeitsgemeinschaft" aufgerufen hatte. Die Demonstration endete mit einem Zug in den Hofgarten; sie erreichte immerhin, dass ein Teil der Landskrone im Hofgarten, die zugeschüttet werden sollte, erhalten blieb. Der Jan-Wellem-Platz mit der Hochstraße, dem sogenannten "Tausendfüßler", dem neuen Straßenbahnhof und verschiedenen Fußgängerpassagen konnte 1962 dem Verkehr übergeben werden. Die Hochstraße am Jan-Wellem-Platz wurde am 22. Januar 1994 in die Denkmalliste aufgenommen.

Das Gesicht der Stadt änderte sich auch in vielen anderen Straßen, da diese um mehrere Meter verbreitert wieder aufgebaut wurden. Hier sind vor allem die Schadowstraße und der Wehrhahn zu nennen. Auch aus der Immermannstraße wurde eine breite Durchgangsstraße, die von Wohn- und Geschäftshäusern gesäumt wird. Neben diesen auf stadtplanerische Maßnahmen zurückgehenden Eingriffen in das Stadtgefüge ist das Stadtbild aber weitgehend durch den individuellen Aufbau geprägt worden. Fast jeder Grundstücksbesitzer erkannte die Chance, durch den Abriss seines Hauses und den Wiederaufbau in anderen Dimensionen mehr Geschäfts-, Büro- und Wohnraum zu schaffen. So wurden ganze Straßenzüge auch dort, wo trotz der Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges noch relativ viel alte Bausubstanz erhalten war, abgerissen und meist mit zwei, manchmal sogar mit drei zusätzlichen Stockwerken wieder errichtet. Hinzu kam, dass vom Ende der 1950er Jahre an dem Stadtbild eine, wie es Tamms formulierte, "dritte Dimension" eingefügt wurde. In den 1950er und 1960er Jahren entstand das Gebäude der Provinzial-Versicherungsanstalt am Kirchplatz mit 14 Stockwerken, das an der Immermannstraße errichtete Dommel-Haus mit 55 Metern Höhe, der Sitz der Landesversicherungs-Anstalt an der Adersstraße mit 56 Metern Höhe, zu dem sich 1976 ein 121 Meter hoher Neubau gesellt hat), das 60 Meter hohe Gebäude der Landesregierung an der Haroldstraße und das Mannesmann-Haus am Mannesmannufer mit seinen 88 Metern Höhe. Zu einem Wahrzeichen von Düsseldorf allerdings wurde das 1960 eingeweihte, fast 100 Meter hohe sogenannte "Dreischeibenhaus" oder Thyssen-Haus, das die Hauptverwaltung der Phoenix-Rheinrohr aufnehmen sollte. Damit war Mitte der 1960er Jahre nicht nur die Stadt wieder aufgebaut, sondern es war in weiten Bereichen ein völlig neues Stadtbild entstanden.

Für die Stadtverwaltung selbst war schon zu Beginn der 1950er Jahre ein neues Verwaltungsgebäude am Marktplatz errichtet worden. Der heute bereits Architekturhistoriker interessierende, nach den Plänen von Prof. Schulte-Frohlinde errichtete Bau im Baublock Marktplatz - Marktstraße - Rheinstraße - Rheinort - Zollstraße wurde im ersten Bauabschnitt schon 1953 fertiggestellt. Der zweite Bauabschnitt Rheinort-Zollstraße einschließlich der Sanierung der Häuser Zollstraße 7 und 9 war 1957 fertiggestellt. Das Gebäude, das als Auslöser des "Düsseldorfer Architekturstreits" gilt, steht heute unter Denkmalschutz.

15 Jahre nach Kriegsende, 1960, war das Selbstbewusstsein der Stadt so weit angewachsen, dass man glaubte, mit einem großen Rathausneubau nicht nur ein Zeichen städtischer Selbstdarstellung, sondern auch eine neue Dimension in die Düsseldorfer Altstadt bringen zu können. So beschloss der Rat 1960 einen "Ideenwettbewerb über die städtebauliche und architektonische Neuordnung" zwischen Maxkirche und Burgplatz in Düsseldorf. Es war dies der dritte Wettbewerb für ein Rathaus in Düsseldorf. Auf einige Bauten aus älterer Zeit wurde im Text der Ausschreibung hingewiesen. Es heisst dort: "Sie gehören zu den wenigen Bauten der Düsseldorfer Altstadt, die den Krieg im großen und ganzen überstanden haben. Soweit sie im Rahmen der Planung erhalten werden können, werden entsprechende Vorschläge erbeten. Sie dürfen jedoch auf keinen Fall die Möglichkeiten einer wirklichen Gesamtkonzeption schmälern. Düsseldorf hat an dieser Stelle seiner Innenstadt eine einmalige Chance, mit den von ihr benötigten Bauten über alles Nützliche hinweg eine städtebauliche Anlage von Rang und Bedeutung entstehen zu lassen. Die Stadt erwartet keine Utopien, dafür aber lebendige, phantasie- und kraftvolle Vorschläge."

Der erste Preis ging an den Architekten Moser aus Karlsruhe, der im Bereich des Rathauses ein in Sternform angelegtes, aus drei unterschiedlich hohen Bürohäusern bestehendes Rathaus mit immerhin 40 bis 50 Stockwerken vorgesehen hat. Auch die anderen Preisträger gingen von unterschiedlich hohen Bürogebäuden im Altstadtbereich aus. Interessant ist die Feststellung, die Friedrich Tamms in seiner Würdigung der Entwürfe aussprach, dass sich die Düsseldorfer Architekten an die Vorgabe, historische Bausubstanz weitgehend zu berücksichtigen, am stärksten gehalten hatten, während auswärtige Architekten sich meist über die historischen Reste der Altstadt am Rheinufer hinweggesetzt hatten, wohl aus dem Gedanken heraus, dass diese Häuser zwar historisch, aber architektonisch nicht von hohem Rang seien und dass ihre Erhaltung ein ernstes Hindernis für eine große Gesamtkonzeption sein würde.

Diese Planungen für ein neues Rathaus und damit eine städteplanerische Umgestaltung der gesamten Altstadt sind, trotz zahlreicher Vorbereitungen bis zum Jahre 1967, nicht verwirklicht worden. Als Ersatz für das Rathaus wurde zeitweise ein Hochhaus an der Nordbrücke propagiert. Ob am Ende der 1960er Jahre, die ja auch im gesellschaftlichen Leben einen Umbruch brachten, sich die Idee solcher Großprojekte überlebt hatte, wird die neuere Architekturgeschichte klären müssen. In Düsseldorf jedoch begann man 1972 mit der Planung für ein Technisches Rathaus an der Mecumstraße / Am Hennekamp, dessen erster Bauabschnitt 1976 und ein zweiter 1985 fertiggestellt waren. In der ersten Hälfte der 1980er Jahre wurde ausserdem im Bereich des alten Rathauses am Rhein zwischen Zollstraße und Burgplatz ein Neubau errichtet, der sich allerdings in der Bauhöhe in die Rheinfront einpasst.

In den 1950er und 1960er Jahren veränderte aber nicht nur die Düsseldorfer Innenstadt ihr Gesicht. Mit dem Namen Friedrich Tamms' ist auch die Planung der "Trabantenstadt" Garath verbunden, die südlich von Benrath Wohnraum für ca. 30.000 Menschen schaffen sollte. 1957 wurde mit der Planung begonnen, am 18. Februar 1961 begann der Bagger mit dem ersten Aushub, und im Juni 1963 zogen die ersten Familien in Garath-Nordwest ein.

In das Ende der 1960er Jahre fallen auch die ersten Planungen für eine Universität Düsseldorf. Die aus der 1907 gegründeten Düsseldorfer Akademie für praktische Medizin hervorgegangene Medizinische Akademie war 1965 in die "Universität Düsseldorf" umgewandelt worden und am 14. Februar 1966 feierlich begründet worden. Die nach 1973 südlich der Klinik errichteten neuen Universitätsgebäude wurden nach und nach fertiggestellt. Die neue Universitätsbibliothek konnte Ende 1979 in Betrieb genommen werden. 1988 beschloss der Senat der Universität, ihr den Namen "Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf" zu verleihen.


©2004-2006 www.geschichte-in-duesseldorf.de